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Patrick Findeis HANNELORE

oder: So ein abgelichtetes Leben will verkraftet sein

Mit: Dagmar Manzel
Ton & Technik: Johanna Fegert & John Krol
Länge: 77 min
Dramaturgie: Andrea Oetzmann
Regie: Kai Grehn
Eine Produktion des SWR 2014
 

HANNELORE: Man kann nur von einem Hund erwarten, dass er sich nach stundenlangem Warten noch freut.

Die letzten 15 Monate ihres Lebens verbrachte Hannelore Kohl vorwiegend allein in ihrem Bungalow, in Dunkelheit und Kälte, gefangen in den eigenen vier Wänden aufgrund einer angeblichen Lichtallergie. Sie beging am 5. Juli 2001 Suizid.
1933 in Berlin als Hannelore Renner geboren, endet ihre großbürgerliche Kindheit im Kriegswinter 1944/45. Gemeinsam mit der Mutter und dem Vater, der als einer der Direktoren des Rüstungskonzerns HASAG von der Roten Armee wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit gesucht wird, flieht sie in dessen Heimat in der Pfalz. Die Kriegswirren übersteht sie nur mit schweren Verletzungen an Seele und Leib. 1948 lernt die 15-jährige Schülerin den drei Jahre älteren Helmut Kohl kennen, 1960 heiratet sie ihn und vertritt fortan das klassische Frauenbild: Sie kündigt ihre Arbeit, bringt zwei Söhne zur Welt und kümmert sich, während er Politik macht, allein um Haushalt und Familie. Verbissen hält sie an ihrer Version der Familienidylle und der heilen Welt fest, auch später als Frau des Oppositionsführers und dann als Kanzlergattin. »Barbie von der Pfalz« und »die Doofe« sind nur zwei der Namen, mit denen sie in Bonn verspottet wird.
Mehr als 30 Jahre steht Hannelore Kohl stets perfekt frisiert und eisern lächelnd für konservative Familienwerte. Sie macht ihre Söhne zu »anständigen« Männern, gründet und leitet ein Kuratorium zur Hilfe von Menschen, deren zentrales Nervensystem durch Verletzungen beschädigt worden ist. Die Wiedervereinigung und der damit einhergehende Abzug der sowjetischen Streitkräfte sind schließlich ihre größte Genugtuung während der politischen Karriere ihres Mannes. Die Wahlniederlage 1998 soll endlich den erhofften Rückzug aus der Öffentlichkeit einläuten. Doch die Rechnung hat sie ohne ihren Mann gemacht. Die Parteispendenaffäre und die Verdächtigungen, ihr Kuratorium ZNS sei darin verwickelt, geben ihr den Rest, das Haus in Oggersheim wird zu einer Chiffre für Einsamkeit. »So ein abgelichtetes Leben will verkraftet sein«, hat Hannelore Kohl einmal gesagt. Patrick Findeis nähert sich ihr in einem fiktiven Monolog.
 

Die Noblesse der Dagmar Manzel

„Der Autor Patrick Findeis hat das greifbare biografische Tatsachenmaterial zu Hannelore Kohl zu einem packenden Hörspielmonolog verdichtet und verarbeitet. Viel zurückhaltender und unaufdringlicher als bei Elfriede Jelineks Auseinandersetzung mit der Kennedy-Witwe in „Jackie“ (BR 2003) versteht es Findeis, in zwölf akustischen Hörbildern eine Frauengestalt zu entwerfen, die gerade durch ihre Unauffälligkeit, ja, durch ihr vitales Mittelmaß, ihren familiären Kampf um ein juste milieu, den Hörer nach und nach gefangen nimmt.
Die Besetzung des Monologs mit der Berliner Schauspielerin und Chansonsängerin Dagmar Manzel ist ein ausgesprochener Glücksfall. Manzel dramatisiert nichts, spielt nichts nach vorne und bietet damit das eindrucksvolle akustische Profil einer Kanzlergattin, deren Psychogramm hinter der bürgerlichen Politikerfassade auf einen Abgrund von Entbehrungen und Lieblosigkeiten verweist. Manzel trägt den Weg Hannelores in den selbstgewählten Tod mit großer Stärke, ja, mit Noblesse vor: als unerhörte und ungehörte Frau, als missbrauchtes Opfer des politischen Kalküls ihrer Familie und der Medien.

(Christian Hörburger, Funkkorrespondenz, 09.03.2014)

„Träumerisch spricht die Schauspielerin Dagmar Manzel den Monolog, wie unter Hypnose lässt sie als Hannelore ihr Leben Revue passieren. Das Leben an der Seite eines nicht nur physisch großen Mannes. Ein sehr deutsches Leben, geprägt von Pflichterfüllung und Selbstdisziplin, und so ist ‚Hannelore‘ vor allem die Geschichte einer Zurücknahme.“
(Esther Erholt, epd-medien, 14. März 2014 )