Bücher - Prosa

Whitman hätte einen perfekten Gangster-
Rapper abgegeben



Interview mit Iggy Pop über Walt Whitman von Ronald Klein












Graphik © Andreas Töpfer


RK: Du hast gerade das Walt-Whitman-Hörspiel “Children of Adam” eingesprochen. Was bedeutet der Autor für dich?

IP: Ich glaube, Whitman hatte etwas von Elvis: wie Elvis war er seiner Zeit voraus, einer der ersten amerikanischen Populisten. Wenn man sich Fotos von ihm anschaut, sieht man, wie sehr er sich seiner physischen Präsenz bewusst war. In seiner Poesie geht es um Bewegung, Vorwärtsstürmen, grenzenlose Liebe und Blut, dass hart durch die Venen pumpt. Eines aber fehlt völlig: nirgendwo findest du das Wort „Stopp“. Du hast niemals das Gefühl, dass es irgendeine Art von Ehrfurcht oder eine Infragestellung von Verlusten gibt, es gibt kein Innehalten.

RK: Kannst Du Dich erinnern, wann du das erste Mal Whitman gelesen hast?

IP: Das war in der High School, glaube ich. Ich hatte einen sehr guten Literatur-Lehrer, der uns sagte: Das ist Transzendentalismus, das ist amerikanische Poesie. Zu seinem Kanon gehörte auch “Leaves of Grass”. Nach dem Lesen stellst du Dinge infrage, die das westliche Wertesystem betreffen.

RK: Deswegen durfte „Children of Adam“ auch ursprünglich nicht in den USA erscheinen. Die Erstveröffentlichung erfolgte in Frankreich. Als du zur Schule gingst, war Whitman nicht mehr Tabu?

IP: Nicht mehr. Lass es mich so veranschaulichen: Heute habe ich morgens eine Platte von Snoop Dogg gehört und ich dachte: Whitman hätte einen perfekten Gangster-Rapper abgegeben. Als ich zur Schule ging, kannte man Whitman, aber er zählte nicht zu den Autoren, die damals den gängigen Kanon bildeten, zu dem zweifelsohne Sandburg, Frost, Emerson und Defoe gehörten.

RK: Die Transzendalisten gaben maßgebliche Impulse für die Gleichberechtigung von Schwarz und Weiß, für die Frauenrechtsbewegung und für den Naturschutz. Thoreau gehörte zu ihnen.

IP: Und sie hatten Einfluss auf die ‚American Renaissance‘, zu der Whitman gehörte. Aber er war ein Dorn im Auge all jener, die es sich nett eingerichtet hatten. Die meinten, das Leben bestehe daraus, ein Haus und einen Zaun zu besitzen, Steuern zu bezahlen und keinen Sex zu haben. Whitman hingegen legte den Finger in die Wunde: die überwiegende Mehrheit der Amerikaner sei furchtbar ignorant, ohne jegliches Geschichtsbewusstsein. Niemand interessierte sich für die politischen Veränderungen in Europa. Die Amerikaner zogen es vor, ausschließlich über sich selbst zu reden. Die Menschen glaubten, sie leben in einer Demokratie. Aber die Leute, die tatsächlich an der Spitze Amerikas standen, an der Spitze des Landes, der Armee, der Regierung, das waren im Grunde niederer Adel, religiöse Fanatiker, Calvinisten. Whitman jedoch ignorierte sie in seiner Poesie allesamt. Er interessierte sich weder für Priester noch für Pfarrer oder für den Begriff „Gott“. Insofern ist nicht nur interessant, worüber Whitman schreibt, sondern auch worüber er schweigt.

RK: Also ist Whitman dein Gefährte seit der Schulzeit?

IP: In den späten 1970ern begann ich intensiv Whitman zu lesen, als ich von Berlin nach New York zog. Ich stöberte in einem wunderbaren „Strand“-Buchladen südlich des Union Squares und fand eine gebrauchte Ausgabe seiner Gedichte. Den Buchladen gibt es seit 1927 auf dem Broadway und Whitman schrieb auch über den Broadway und Rhode Island. Damals war New York City aber noch keine so gigantische Metropole. Die Straßenführung war exakt die gleiche, aber das Leben war wesentlicher, weniger urban. Zu der Zeit bildete sich auch das Finanzzentrum in New York heraus, skrupellos und unbarmherzig. Whitman aber interessierte das Leben der Farmer, der Armen, das natürliche Leben im Einklang mit der Erde und den Elementen.

RK: Whitman gilt einerseits als der erste amerikanische, demokratische Dichter. Ist er vielleicht auch der letzte?

IP: Ja, seine Verse sind verdammt demokratische Verse. Sie wurden für und über ein demokratisches Publikum geschrieben. Demokratie ist die Regierungsform der armen Leute. Ob seine Gedichte damals die bereite Masse, die armen Leute, erreichten, wage ich zu bezweifeln.

RK: Whitman-Leser konstatierten damals, er drücke Dinge aus, die andere nicht zu äußern wagten.

IP: Sicher, er schreibt sehr detailreich, sehr gerade heraus und nimmt kein Blatt vor den Mund. Er sagte, das schönste Gesicht sei nichts im Vergleich zu einem schönen Körper. Ein derartiger Gedanke im Amerika Mitte des 19. Jahrhunderts war ein Schlag ins Gesicht. Schau sie dir an, die populären Akademikerdichter seinerzeit in Amerika und in England, diese zart besaiteten und erlauchten Edelmänner. Whitman sagt: “Fuck ass”. Whitman ist ehrlich und direkt. Es gibt eine Menge Gemeinsamkeiten zwischen seiner Sprache und einem der frühen Stooges-Songs: “Down on the Street”. Bevor ich den Song schrieb, war ich total auf LSD und stürzte mich in die Menschenmenge. Es war aufregend, so viele schöne und anziehende Menschen zu sehen. Junge Frauen und Männer. Ihr Leuchten. Es tat der Seele und dem Körper gleichermaßen gut, sie im Vorübergehen streifend zu berühren.

RK: Whitmans Beschreibung des Körpers war, wie du bereits angedeutet hast, damals sehr provokativ. In Miami hast du erzählt, du kannst in deiner BBC-Show nicht alle Songs spielen, weil sie ebenfalls als „provokativ“ gelten. Wir reden nicht über aktuellen HipHop, sondern über alte Blues-Platten. Gibt es einen Rollback?

IP: Das ist eine spannende Frage. Ich bin mir nicht sicher, ob dieses Phänomen nur auf Amerika zutrifft. Aber so wie die Dinge laufen, glaube ich, wird es eine gewaltige und umfassende Welle des Angstschürens geben: Sobald ein Feind nicht mehr existiert, wird ein anderer gefunden. Früher, zum Beispiel, hieß der Feind Russland. Als Russland zusammenbrach, war es plötzlich der Tabak. Angst vor Russland, Angst vor Tabak. Tabus kommen und gehen, aber der Motor ist Angst. Wie ist es gegenwärtig in Deutschland?

RK: Ähnlich. In Berlin weniger extrem, es existieren noch genügend Freiräume.

IP: Ich erinnere mich gern an meine Zeit in Berlin.

RK: Wie hast du die Stadt wahrgenommen, als du nach West-Berlin zogst?

IP: Die Stadt wirkte auf mich wie ein wundervoller Baum der Modernität, wie eine Seifenblase. Gleichzeitig war die Stadt eine von den Alliierten geschaffene, befriedete Zone, wo keine der Mächte die Vorherrschaft besitzen sollte. Die BRD-Regierung stellte Mittel bereit, um Studenten in die Stadt zu locken. Geld spielte überhaupt keine Rolle. Niemand war reich. Es gab viele Menschen, die in Wohnläden wohnten. Ich kannte Kippenberger sehr gut. Er kreierte einen Ort, der mich vom Design an das Bauhaus erinnerte, der über 3000 Quadratmeter groß war, aber nur 300 Mark Miete kostete. Das war ein Ort, der mit dem Mauerbau als Veranstaltungsort geschlossen wurde und erst Ende der 70er wieder aufmachte. Das SO36. Alle vier oder fünf Häuserblöcke standen „Kinos an der Ecke“, die für kleines Geld anspruchsvolle Filme zeigten. Spannend waren die Gespräche mit älteren Berlinern, die seit den 30er-Jahren dort lebten. Also bereits vor dem Zweiten Weltkrieg. Geld war damals kein Thema, man hat sich über die wichtigen Dinge des Leben unterhalten. Es war ein großartiger Ort für Künstler, frei von Parkplatzproblemen.

RK: Du bist oft für Konzerte nach Berlin zurückgekehrt. Erkennst du die Stadt wieder?

IP: Natürlich. Ich bin auch nicht nostalgisch, die Stadt entwickelt sich weiter. Es ist spannend, sich den Osten anzuschauen. Ich streune viel durch Ost-Berlin und schaue, was dort passiert.

RK: Was sind deine Lieblingsorte in Berlin?

IP: Wahrscheinlich nicht die, die die meisten erwähnen. Die Stadt verändert sich permanent. Mag ich die Orte, die von Touristen in rosa Shorts aufgesucht werden? Natürlich nicht. Ich sage Dir, welche Orte ich wirklich mag: ich mag die Zitadelle Spandau. Ich habe schon immer den Wannsee gemocht. Schon immer. Immer! Auch den Tiergarten, wo die besten „Night-Ladys“ zu finden waren; sie hatten Stolz, künstlerische Anmut. Das war Klasse. Ich mag auch sehr die Architektur des Olympiastadions. Ende der 70er bin ich sehr oft mit der S-Bahn rausgefahren. Ich saß dort stundenlang und habe die Architektur eingesogen. Es war wunderbar. Es war wunderbar auf eine inakzeptable Weise. Damals, in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, offenbarte sich der Monumentalcharakter dieser Stadt an jeder Ecke auf seine ganz eigene Art, denn es gab nichts, was dem entgegen gesetzt wurde.

RK: Es gab gerade eine Ausstellung, die David Bowies’ Zeit in Berlin reflektierte. Er schrieb sogar einen Song über die damalige Zeit. Wie steht es um eine Ausstellung, die Iggy Pop in Berlin beleuchtet.

IP: Ich weiß es nicht, aber es gab eine kleine Ausstellung anlässlich der Premiere von Esther Friedmans Buch “The Passenger”. Ob es so etwas auch im großen Rahmen gibt? Ich sehe nicht wirklich, dass das passieren wird. Yeah, you never know.

(Übersetzung aus dem Amerikanischen: Ronald Klein und Kai Grehn)




(v.l.n.r Ronald Klein, Iggy Pop, Kai Grehn)