ATEMSCHAUKEL
nach dem gleichnamigen Roman von
Herta Müller
Hörspielbearbeitung/ Regie:
Kai Grehn
Mit:
Alexander Fehling, Vadim Glowna,
Otto Mellies, Maria Kwiatkowsky, Dagmar Manzel, Lars Rudolph, Bernd Stegemann,
Uli Plessmann, Sebastian Urzendowsky,
Tilla
Kratochwil, Anton Levit, Annemone
Haase, Marko E. Weigert
Soundrecording auf dem Gelände
der Koksochim-Fabrik in Nowo Gorlowka/ Ukraine:
Kai Grehn
Technische Realisation: Rudolf Grosser,
Peter Kainz & Angelika Körber
Regieassistenz: Mareike Maage
| Dramaturgie: Henning Rademacher
Länge: 88 min | Eine Produktion
des NDR 2010
Für die Unterstützung bei der Realisierung der Soundaufnahmen in
der Ukraine dankt Kai Grehn besonders herzlich
Natalka Snyadanko, sowie Ernest
Wichner, Michael Ehrlich, Peter Hilkes, Anatolij Grigorjewitsch und
Elisabeth van Gelder
von der Robert Bosch Stiftung.
Hörbuch | Hörbuch
Hamburg 2010 | 19,95 Euro | ISBN
978-3-89903-697-8
Nominierung für den Prix
Europa 2010
Nominierung für den Deutschen
Hörbuchpreis 2011
HR2
Hörbuchbestenliste
Hörprobe
(MP3/ 2,2MB)
Koksochim-Fabrik
(Fotostrecke)
LONI MICH:
Schau, wie der heult, dem läuft was über.
Rumänien 1945: Der Zweite Weltkrieg
ist zu Ende. Die deutsche Bevölkerung lebt in Angst. "Es war 3
Uhr in der Nacht zum 15. Januar 1945, als die Patrouille mich holte. Die
Kälte zog an, es waren – 15° C." So beginnt der Bericht
des 17-jährigen Leopold über seine Deportation in ein Lager nach
Russland. Anhand seines Lebens erzählt Herta Müller vom Schicksal
der deutschen Bevölkerung in Siebenbürgen. Im Januar 1945 wurden
auf Anweisung Stalins alle arbeitsfähigen Männer und Frauen deutscher
Herkunft zwischen 17 und 45 Jahren, die in Rumänien lebten, in sowjetische
Arbeitslager deportiert. Viele kamen dabei ums Leben.
Was Leopold während seiner fünfjährigen Haft erlebt, erinnert
an Berichte aus deutschen Konzentrationslagern oder an die Beschreibungen
Alexander Solschenizyns in "Der Archipel Gulag". Leopold erzählt
vom Hunger, der Kälte, dem Grauen sowie von seinen Überlebenstechniken
vor allem durch die Sprache und die Kraft der Imagination. Den Stoff für
ihren jüngsten Roman (2009) hatte die Autorin zusammen mit dem rumäniendeutschen
Lyriker und Büchner- Preisträger Oskar Pastior konzipiert, der
2006 verstarb.
Für die Aufnahmen zu dem atmosphärischen Hörspiel fuhr Kai
Grehn an Originalschauplätze in die Ukraine, ließ alte Lager-Lieder
neu einspielen und engagierte ein hochkarätiges Ensemble. Zudem verwendete
er eine Tonaufnahme des 2006 verstorbenen Lyrikers und ehemaligen Lagerinsassen
Oskar Pastior.
Die Hörspielfassung wurde von Herta Müller autorisiert.
Kai Grehn macht das Unmögliche
möglich: Er inszeniert das beeindruckende Hörspiel von
Herta Müllers
"Atemschaukel".
"Das Hörspiel gibt dem Ohr gleich einen Notenschlüssel fürs
Verständnis mit. Es beginnt - anders als Herta Müllers Roman "Atemschaukel"
- mit Oskar Pastiors Gedicht "Die Suppe war einmalig", gesprochen
vom Verfasser selbst. Da weiß jeder sofort, dass es hier um die Lebensgeschichte
des Dichters Oskar Pastior geht. Der Prolog in Versen stimmt ein auf das,
was den Hörer erwartet: ein Gemisch aus gleitenden Gedanken, eine dahinfließende
Legierung aus schöner Sprache und unbekömmlichen Dingen. Grauen
und Traumsequenzen lassen Spielräume zu: "Erlaubt war alles",
sagt das Gedicht. Im Paradoxen, im subtil sarkastisch kredenzten Aberwitz
eines tödlich ungenießbaren, irreal anmutenden "Gebräus"
aus Gegensätzlichem treffen sich die Intentionen Oskar Pastiors und
der Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller. Todesangst im Zwangsarbeitslager
und lebensrettende Flucht in die Fantasie sind die einander bedingenden
Pole.
Herta Müllers Roman ist ein Patchwork aus 64 Kapiteln, das sich der
raschen Konsumierbarkeit entzieht. Regisseur Kai Grehn ist es gelungen,
die Geschichte des Leopold Auberg (alias Oskar Pastior) aus Hermannstadt
in Siebenbürgen in Monologen, Dialogen und Szenen herauszufiltern.
Der rote Faden des Lebensberichtes - vom Coming Out des Gymnasiasten als
Homosexueller über die fünfjährige Gefangenschaft in einem
sowjetischen Zwangsarbeitslager unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg bis
zur Heimkehr in die "Normalität" Rumäniens, die nicht
die seine ist. Tabus bestimmen den siebenbürgischen Alltag: das Schweigen
über den Nationalsozialismus, die sowjetischen Straflager und die Homosexualität,
die mit Gefängnis bestraft wird.
Alexander Fehling und Vadim Glowna teilen sich wirkungsvoll differenziert
die Rolle des Auberg: Der junge Leo, der als 17-Jähriger am 15. Januar
1945 um drei Uhr nachts von einer Patrouille geholt wird und mit anderen
Siebenbürger Sachsen als Büßer für die Kriegsschuld
der Deutschen in Viehwaggons in das Zwangslager Nowo Gorlowka in die ukrainische
Steppe deportiert wird. Und der alte Leo, der sich an die Lagerzeit erinnert:
die kräftezehrende Schufterei, die Schikanen, die sadistische Willkür
sowjetischer Bewacher, die Kälte, den Dreck, die Läuse, die Müdigkeit,
vor allem den Hunger. Noch 60 Jahre nach der Heimkehr aus dem Lager sagt
Leo den erschütternden Satz: "Ich bin eingesperrt in den Geschmack
des Essens, wenn ich esse. Ich esse seit meiner Heimkehr aus dem Lager,
seit sechzig Jahren, gegen das Verhungern." Der gespenstische Überlebenskampf
zwischen der "Herzschaufel", dem Delirium "Atemschaukel"
und dem "Hungerengel" wird von Otto Mellies in flüsternden
Echos bis an den Rand des Wahnsinns getrieben. (...)
Würde, Mitgefühl, Solidarität, sogar Güte spricht aus
Szenen, die die Hörspielregie geschickt aus dem Roman-Konvolut des
Grauens ausgewählt und in Szene gesetzt hat: eine alte Russin, deren
Sohn denunziert und in ein Straflager geschickt worden war, schenkt Leo
ein schneeweißes Taschentuch aus weißem Batist, das noch nie
jemand benutzt hat. Leo hält es auch nach seiner Entlassung aus dem
Lager in Ehren. Mehr noch als im Roman - so scheint es - wird Oskar Pastior
hinter der Figur des Leo sichtbar. Der von Annemone Haase gesprochene Großmutter-Satz:
"ICH WEISS DU KOMMST WIEDER" hält ihn am Leben. Die Schauspielerin
singt auch eines der Volkslieder. Die ertönen in ihrer Zartheit, Zuversicht
und Traurigkeit als anrührender Widerpart zu Grauen und Vernichtung.
(Dorothea von Törne, Die Welt,
24.7.2010)